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Rezension. Stellt euch ein Märchenland vor, in dem der Hase mit drei Ohren einfach dazugehört. Oder das weibliche Rehkitz, das von einer Fee ein Geweih aus Zweigen bekommt, um sich als Hirsch im Wald akzeptiert zu fühlen.
Dieses Buch aus dem DK Verlag (in Kooperation mit dem Stern) hat eine klare Botschaft: Im Märchenland wird niemand mehr ausgeschlossen. Hier dürfen Figuren dick sein, dünn, queer, frech – kein Schmunzeln, kein Staunen, denn Anderssein ist hier ganz normal.
Bunt– Überraschend – Inklusiv

17 Geschichten ungarischer Autorinnen und Autoren zeigen, wie bunt Märchen heute sein können – mit Humor, Herz und einer ordentlichen Portion Mut, alte Rollenbilder auf den Kopf zu stellen.
Statt der bösen Stiefmutter ist es zum Beispiel ein zorniger König, der den Spiegel nach „pädagogischen Tipps“ für seine widerspenstige Tochter fragt.
Aschenputtel in Sneaker ist Goldrichtig
In der Geschichte „Rosa auf dem Ball“ steckt ein ganz besonderer Aschenputtel-Moment: Rosa lebt nach dem Tod der Mutter mit einem Vater, der den Alltag nicht mehr bewältigt. Haushalt und Sorgen lasten auf ihr. Ein Schulball bringt etwas Glanz – doch woher das Kleid nehmen?
Rosa greift zum Hochzeitskleid der Mutter. Barfuß tanzt sie, um ihre kaputten Turnschuhe zu verstecken – und nimmt dafür Splitter in den Füßen in Kauf.

Ein Buch voller Empathie, Witz und Vielfalt
Mir hat dieser Perspektivwechsel riesigen Spaß gemacht.
Traurig hingegen ist die Geschichte hinter dem Buch: Nachdem Märchenland für alle in Ungarn zunächst verboten werden sollte, weil es queere Figuren und vielfältige Familienformen zeigt, wurde es dank vieler mutiger Stimmen zum Bestseller.
Autor*innen, Eltern, Lehrkräfte und Buchhändler*innen standen auf und verteidigten ihr Märchenland der Vielfalt. Inzwischen wurde das Buch in zehn Sprachen übersetzt – ein stiller Triumph für Freiheit und Fantasie.
Auch die Illustrationen verdienen Applaus: farbenfroh, detailverliebt und voller Wärme erzählen sie selbst kleine Geschichten – so, dass man sich am liebsten in jede Seite hineinträumen möchte.
Seit dem ungarischen Kinderschutzgesetz von 2021 darf das Buch in einem Umkreis von 200 Metern um Schulen und Kirchen nicht verkauft werden, berichtet der Tagesspiegel. Darüber hinaus nur in geschlossener Verpackung – damit der Buchumschlag nicht sichtbar ist.
Meine Absolute Lese-Empfehlung
Fazit: Ich wünsche mir, dass Akzeptanz kein Ideal mehr sein muss, sondern selbstverständlich wird. Denn angenommen zu sein – so, wie man ist – sollte kein Privileg sein, sondern ein Gefühl, das jedem Menschen zusteht.
Dieses Buch zeigt genau das: Es macht Vielfalt erlebbar, ohne sie zu erklären. Es lädt dazu ein, schon den Kleinsten vorzuleben, dass Offenheit und Respekt keine Lektionen sind, sondern ein natürlicher Teil des Miteinanders. Und das in einer Welt, in der Kinder doch längst wissen, dass jede*r alles sein kann.
Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre es die Offenheit – besonders dort, wo sie am dringendsten fehlt: in den Köpfen und Strukturen, die sich längst hätten wandeln können.

Und jetzt sag du mal:
Welche Märchenfigur würdest du gern neu erzählen – und welche Eigenschaft würdest du ihr heute mitgeben? Schreib’s mir gern in die Kommentare.
Märchenland für alle
Verlag: DK-Verlag, März 2022
Übersetzung: Timea Tankó, Tünde Malomvölgyi, Christina Kunze
Genre: Kinderbuch
Lesealter: ab 6 Jahre
Seitenzahl: 180 Seiten
Preis: 16,95 €
Bestellnummer: 978-3-8310-4509-9
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